4. April 2014

Zum Thron der Poesie

Gabriela Mistral - Fotoquelle: Wikipedia

Zum 125. Geburtstag von Gabriela Mistral. Die erste Literaturnobelpreisträgerin Lateinamerikas trat engagiert für das Recht der Frauen auf Bildung ein

Christiana Puschak

Als Tochter einer baskisch-indianischen Familie erblickte Lucila Godoy Alcayaga vor 125 Jahren, am 7. April 1889 in Vicuña, einem kleinen Dorf im Elquital in den chilenischen Anden, das Licht der Welt. Vom Vater als Dreijährige verlassen, wächst sie mit ihrer Mutter, ihrer erwachsenen Halbschwester Emelina und deren Tochter in einfachen Verhältnissen auf. Emelina unterrichtet sie früh in Lesen und Schreiben. Gabrie­la nutzt diese Kenntnisse bereits als 15jährige, um selbst als Hilfslehrerin tagsüber Kinder, abends Arbeiterinnen und Arbeiter zu unterrichten. 1906 forderte sie in einem Zeitungsartikel den Zugang für Frauen zu besserer Bildung und wehrte sich damit gegen die traditionelle Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern. Ihrem Anliegen, Frauen Bildung zu vermitteln, diente auch das von ihr veröffentlichte Lesebuch »Lecturas para mujeres« (Lektüre für Frauen) und der von ihr gemeinsam mit der Malerin und Bildhauerin Laura Rodig vorangetriebene Aufbau von Wanderbibliotheken.

Sie selbst schaffte 1910 als Autodidaktin den Abschluß als Lehrerin. 1918 wurde sie Leiterin einer Schule im Süden Chiles, 1922 Direktorin einer Mädchenschule in Santiago. Bereits ab 1913 war sie unter ihrem Pseudonym Gabrie­la Mistral auch als Lyrikerin hervorgetreten. 1922 erschien ihr berühmter Gedichtband »Desolación« (Trostlosigkeit), der auch die »Sonette des Todes« (Los Sonetos de la Muerte) enthält. In ihnen versuchte sie, den Freitod ihrer Jugendliebe Romelio Ureta zu verarbeiten.

Weitere Gedichtbände folgen, darunter 1924 »Ternura« (Zärtlichkeit), 1938 »Tala« (Holzschlag) und 1954 »Lagar« (Kelter). Grundtöne ihrer Poesie sind Liebe, Zärtlichkeit und Verbundenheit, auch wenn häufig von Schmerz, Einsamkeit und Verzweiflung die Rede ist. Größte Popularität erzielte sie mit »Tala«. Den Erlös aus dieser Publikation stiftete Mistral den Waisenkindern des Spanischen Bürgerkrieges. In den dem Band angefügten »Recados« (Botschaften) schilderte sie u.a. ihre tiefe Freundschaft zu der argentinischen Schriftstellerin Victoria Ocampo. Mistral wie Ocampo teilten das Interesse an den Rechten der Frauen, distanzieren sich vom Katholizismus und suchen nach Spuren eines »weiblichen Lateinamerika«.

Zwischen 1922 und 1934 lebte Gabriela Mistral vorwiegend im Ausland. Sie ging auf Einladung der dortigen Regierung nach Mexiko, um an einer Bildungsreform mitzuwirken, vertrat auf einer Pädagogentagung im schweizerischen Locarno den chilenischen Lehrerverband und lehrte u.a. an der Columbia University in New York hispanoamerikanische Literatur und Geschichte. Fern der Heimat erfuhr sie 1929 vom Tod ihrer geliebten Mutter. In »Nocturno de los tejedores viejos« (Nachtgedicht der alten Weber) verband sie die Trauer um sie mit der Schilderung von Armut und Leid ihres Volkes. Mit ihren – oft auch kämpferischen – Liedern und bewegte sie das Volk: »Nicht einschläferndes Opium soll dir die Schönheit sein, sondern ein edler Wein, der dich zur Tat entfachen kann.«

Seit 1932 arbeitete sie im diplomatischen Dienst ihres Landes u.a. in Spanien, Portugal, Brasilien und den USA. Im Jahr 1945 wurde sie mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Bei den Vereinten Nationen, wo sie vorübergehend beschäftigt war, setzte sie sich als Vertreterin Chiles vehement für die Frauenrechte ein. Erst 1954 kehrte sie, bereits schwer an Krebs erkrankt, nach Chile zurück. Zu dieser Zeit wurde sie bereits als Dichterin ganz Lateinamerikas verehrt. In ihrem Gedicht »Ultimo Arbol« (Letzter Baum) beschrieb sie ihren Tod, der sie 1957 in Hempstead (New York) ereilt: »sein, das Laubdach/ kleidet schon meine Träume, / und ich, eine Tote, singe unter ihm, / singe und weiß es nicht.« Wunschgemäß wurde Mistral im heimischen Elquital, auf dem Dorffriedhof von Monte Grande, beigesetzt.

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