6. August 2010

Zwei Kehrtwenden

Geschichte. Von der Bewertung, der Herabsetzung und der Beschönigung eines Verdienstes. Vor 75 Jahren tagte in Moskau der VII. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale

Kurt Pätzold

Auf keinen anderen Kongreß der Kommunistischen Internationale, die 1919 gegründet und 1943 für aufgelöst erklärt wurde, ist in späteren Jahren so häufig Bezug genommen worden, wie auf ihren letzten. Der hatte im Jahr 1935 stattgefunden und war in der Zählung der siebente. Für seine Anrufung gab es gute Gründe, jedoch – mitunter – auch weniger aufrichtige. Die Mehrheit aller gegenwärtigen Bezugnahmen enthält freilich die fehlerhafte Behauptung, dort sei die Dimitroffsche Faschismus-Formel1 verkündet worden; das gibt eine hochgradig amputierte Betrachtung des Ereignisses und übt sich in Ignoranz gegenüber dem Verdienst, das die dort versammelten Praktiker und Theoretiker der kommunistischen Weltbewegung sich in einem Jahr erwarben, in dem weltgeschichtliche Entscheidungen fielen oder sich vorbereiteten.

Zunächst wird unterschlagen, daß die Charakterisierung der Staatsmacht in Italien und Deutschland sich nicht auf eine Definition beschränkte, von der zudem beweislos behauptet wird, sie habe ihren Gegenstand verfehlt. Tatsächlich hat die terroristische, bis in die Agonie der Systeme fortdauernde Praxis der Gewaltanwendung nach innen und außen vollständig bestätigt, daß die Hervorhebung des Terrors als Herrschaftsinstrument dieser neuen Regimes richtig und zutreffend war. Gleiches gilt für ihre Kennzeichnung als extrem imperialistisch. Sie bewahrheitete sich furchtbar und übertraf auch die düstersten Vorhersagen, von Italiens noch in die Tradition des Kolonialimperialismus gehörendem Überfall auf Abessinien 1935 bis zu den Eroberungszügen der deutschen Wehrmacht durch nahezu ganz Europa. Ohne daß es Aufgabe des Kongresses sein konnte, ein analytisches Tableau der faschistischen Bewegungen und Diktaturen zu liefern, hat Dimitroff auf ihre nationalen Spielarten verwiesen. Seine Hauptrede war eine Philippika gegen das Denken in Formeln und Schemata, gegen Dogmen, die in der Praxis der Kommunisten, wie erwiesen, auf eine politische Kastration durch eigene Hand hinausliefen.

Unvollständig und fehlerhaft war hingegen seine Erklärung für die Massengefolgschaft, welche die faschistischen Parteien in Deutschland und Italien formiert hatten. Sie wurde als Resultat besonders geschickter sozialer und nationaler, bis zum Chauvinismus gesteigerter Propaganda und des pseudorevolutionären Gehabes der Faschisten angesehen. Das war sie auch, und diese Feststellung verlangte, die Ideologie und Propaganda der großen und kleinen Hitler und Mussolini ernstzunehmen. Doch ignorierte die These, die Regimes würden die Verelendung der Massen fortgesetzt vorantreiben, die materiellen Wandlungen, ohne die sich falsche Hoffnungen im Volke nicht nähren ließen. Welchen Grad an Festigkeit die faschistischen Diktaturen zu gewinnen im Begriff waren, lag außerhalb der Erkenntnis der Theoretiker und Ideologen der Komintern, will man nicht unterstellen, daß sie sich darüber aus taktischen Gründen nicht hätten aussprechen wollen. Wilhelm Pieck, seit 1931 im Präsidium des Exekutivkomitees, gab in seinem Bericht eine wirklichkeitsferne Charakteristik des Einflusses der in tiefe Illegalität gestürzten deutschen Kommunisten auf die Arbeiterschaft im Nazireich. Dazu gehörte die von Wunschdenken zeugende These, daß der Sieg des Faschismus die Revolutionierung der Massen weithin beschleunige. Und ebenso das generalisierende Urteil, wonach die Bourgeoisie sich schwach und isoliert fühle und die Lage der herrschenden Klassen »immer unsicherer und schwankender« werde.

Mit diesem Kongreß verbinden sich – wie erwähnt – Namen bedeutender Führer der nationalen und internationalen Arbeiterbewegung. Vor allem der Georgi Dimitroffs, des »Helden von Leipzig«, und nächst ihm der des italienischen Kommunisten Palmiro Togliatti, eines Mannes von Ausstrahlung und theoretischem Verstand, und – aus den deutschen Reihen – der Wilhelm Piecks, der in der KPD den Platz Ernst Thälmanns eingenommen hatte, des Vorsitzenden der bis 1933 größten kommunistischen Partei in einem kapitalistischen Land. Daß Togliatti zehn Jahre später kurzzeitig Minister in einer italienischen Regierung wurde, Dimitroff und Pieck an die Spitze von Staaten neuen Typs traten, besaß einen Bezug zu jener kommunistischen Politik, deren Ursprung sich mit dem Moskauer Kongreß verbindet.

Mit der Sonde der Kritik

Die Delegierten, die sich wie bei allen Kongressen vorher wieder in Moskau versammelten, befaßten sich mit den Erfahrungen großer politischer und sozialer Kämpfe, die in den Industriestaaten unter den Bedingungen einer beispiellos verheerenden ökonomischen Krise ausgetragen worden waren. Binnen sieben Jahren, soviel Zeit war seit der letzten Zusammenkunft vergangen, hatten sich erdballweit schwerwiegende politische Veränderungen vollzogen. Die waren in höchstem Grade unheilverkündend und forderten zu der Prüfung heraus, ob die Komintern mit ihren 1928 gefaßten Beschlüssen über ihre Strategie und Taktik zu diesem Wandel und seinen Ergebnissen nicht in Widerspruch geraten war. Denn zerstoben war die Erwartung, daß die prognostizierte und dann eingetretene ökonomische und politische Krise des Weltkapitalismus Bedingungen für entscheidende Kämpfe entstehen lassen werde, in denen die arbeitenden Massen siegen und den Zustand beenden könnten, daß die Sowjetunion einzig und allein in einer feindlichen kapitalistischen Umwelt existierte. Die »zweite Welle« der Weltrevolution war ausgeblieben.

Statt dessen: In Italien hatte sich das faschistische Regime behauptet und gefestigt. In Deutschland waren die Faschisten um Hitler an die Staatsmacht gelangt und hatten mit der militärischen Hochrüstung des Landes begonnen. In weiteren europäischen Staaten suchten faschistische Bewegungen dem deutschen und italienischen Beispiel zu folgen. Japan, beherrscht von eroberungslüsternen Militaristen, hatte sich auf dem asiatischen Kontinent mit dem Kaiserreich Mandschukuo einen Satelliten und ein Sprungbrett für seine Expansion nach China und später womöglich in den fernen Osten der UdSSR geschaffen.

In den Kämpfen gegen die Offensiven reaktionärer Kräfte hatten die Kommunisten – die Deutschen im Saargebiet 1934 – inzwischen Wege eingeschlagen, die bereits eine schrittweise Preisgabe von Analysen und Beschlüssen bezeichneten, die 1928 gefaßt worden waren. Das betraf insbesondere den Abwehrkampf gegen die Faschisten. Die Abwertung der bürgerlichen Freiheiten war einer Beurteilung gewichen, die deren Verteidigung als Bedingung für die Durchsetzung der eigenen unaufgegebenen Ziele ansah. Mit Führern und Funktionären in Konzentrationslagern und in der Verbannung war an Siege nicht zu denken. Radikale Losungen, die besagten, daß Demokratie nicht viel sei, oder Parolen, wonach sich auf die »Spießerrepublik« pfeifen ließ, waren ohne viel Lärm aufgegeben worden. »Jeden Fußbreit« der gefährdeten bürgerlich-demokratischen Freiheiten hätten Kommunisten zu verteidigen, forderte Dimitroff in seinem Hauptreferat.

Verabschiedet wurde die Politik des Alles oder Nichts und die Vorstellung von dem allein lohnenden »letzten Gefecht«. Sie bewerteten die Widersprüche in den fortgeschrittenen kapitalistischen Staaten neu. Daraus ergab sich eine Korrektur ihrer bisherigen Frontstellungen. Nachgedacht wurde über einen Weg heraus aus der bürgerlichen Welt in Etappen, der sich geschichtlich als länger und komplizierter abzeichnete, als die Kommunisten sich ihn bis dahin vorgestellt hatten. Sie erkannten als Ausgangspunkt dieses neuen Weges die Möglichkeit und, mehr noch, die Notwendigkeit einer breiten antifaschistischen Front. Deren Kern müßten die Arbeitermassen bilden, doch solle sie darüber hinausreichen und Bauern, das städtische Kleinbürgertum und weitere werktätige Schichten umfassen.

Konzept ohne Sektierertum

So wurde das Konzept der Aktionseinheit des Proletariats und einer auf diese gestützten Volksfront geboren. Frankreichs Kommunisten hatten 1934 die Idee im Widerstand gegen Faschisten schon Tat werden lassen. Als aktuelle Alternative zur faschistischen Diktatur galt nicht mehr die – als Fernziel unaufgegebene – Herrschaft der Arbeiterklasse, sondern ein demokratisches, antifaschistisches, den Frieden wahrendes Regime, in dem die Arbeitenden ihre sozialen Forderungen verfechten konnten. Der Appell, der nun von Moskau ausging, verlangte nach der bitteren deutschen Erfahrung von allen Antifaschisten, die eitle Vorstellung aufzugeben, man könne allein ohne Verbündete den Faschismus abwehren oder ihn dort, wo er sich als Staatsmacht etabliert hatte, besiegen.

Die Kommunisten standen vor der doppelten Aufgabe, die Akzeptanz ihrer gewandelten Vorstellungen zunächst in den eigenen Reihen zu erreichen und sich jenen gegenüber glaubwürdig zu machen, denen sie vor kurzem noch mit dem Vorwurf Unrecht getan hatten, Spielart des Faschismus, »Sozialfaschisten«, zu sein. Die Gewinnung eines neuen Verhältnisses zur Sozialdemokratie fiel dabei nach den ausgetragenen Kämpfen und erlebten Enttäuschungen offenkundig am schwersten. War von sozialdemokratischer Politik die Rede, galt noch immer das Prinzip »Kritik und Verurteilung«. Keine in deren Reihen ausgesprochene richtige Erkenntnis, keine Initiative von Sozialdemokraten im Widerstand gegen Hitler kam anerkennend in Rede. Passagenweise blieb der Stil rüde, so wenn von Karl Kautsky als »Lakaien der Bourgeoisie« gesprochen wurde, von »sozialdemokratischen Schwindeltheorien«, vom »Bankrott« der Sozialdemokratie und davon, daß sie den Sieg des Faschismus durch ihre Politik gesichert habe. Da fehlte Konsequenz, sich in Inhalt und Stil von Altlasten zu trennen. Zudem türmten sich neue Hindernisse. Während ultralinke Kreise den Gesinnungswandel als Verrat an der Revolution brandmarkten, reagierte der alle Lehren verweigernde harte Kern sozialdemokratischer Antikommunisten auf das Angebot mit der Verdächtigung dieses Wandels als bloßem taktischem Trick.

Und dann existierte gegen die Akzeptanz des Gedankens der Einheits- und Volksfront eine weitere unbeseitigte Hürde. In den Reihen der Kommunisten galt das kritiklose Ja zum sowjetischen Weg als unabdingbar, der galt als Vorbild für alle und alle Zukunft. Wie paßte das mit dem formulierten antifaschistischen Ziel zusammen? Je mehr in den folgenden Jahren die Kritik an der sowjetischen Innenpolitik wuchs, insbesondere an den Moskauer Prozessen und dem Terror im Land, umso schwieriger wurde die Situation für die Verteidiger der UdSSR und der Bolschewiki in den kapitalistischen Staaten. Denn diese Kritik kam nicht nur, was niemanden überraschte, aus den Reihen der haßerfüllten Gegner des Sozialismus, sondern eben auch von Menschen, die dem großen Aufbruch Sympathien entgegengebracht hatten und sich nun enttäuscht sahen. Die disziplingeübten Kommunisten aber waren auch durch den VII. Weltkongreß darauf festgelegt, von den Bolschewiki zu lernen, »wie man kämpfen und siegen muß«, und die Sowjetunion »nicht nur im allgemeinen (zu) verteidigen«, »konkret ihre gesamte Politik und jede ihrer Handlungen«.

Eine denkwürdige Analyse

Das sagte Palmiro Togliatti, der in seiner Rede eine glänzende Analyse der internationalen Lage und deren Tendenzen vornahm. Die war in der Feststellung verdichtet, daß es in raschem Tempo einem Kriege entgegengehe und der, wie und wo immer er ausbräche, sich zu einem Weltkrieg ausweiten werde, in den auch die Sowjetunion hineingezogen werden würde. Gegen diese Entwicklung müßten die Kommunisten gemeinsam mit allen ankämpfen, die wie sie für den Frieden eintreten. Doch machte der italienische Marxist den Delegierten keine Hoffnungen darauf, daß dieser Kampf einen vollen Erfolg zeitigen könne. Es wäre schon viel erreicht, bliebe der Sowjetunion mehr Zeit, bis ihre Armee zu kämpfen gezwungen sein werde.

Zugleich gab Togliatti die zutreffende Unterscheidung zwischen den am Krieg interessierten imperialistischen Staaten und denen, die sich von einem Krieg derzeit nichts oder nur Nachteile versprechen konnten. Zu den ersteren gehörten Japan, das seinen Krieg auf dem asiatischen Kontinent ins Innere Chinas bereits ausweitete, und Italien, das die kriegerische Eroberung Abessiniens begonnen hatte. Vor allem aber Deutschland, das als der Hauptkriegstreiber anzusehen wäre, dessen herrschende Kreise auf die Hegemonie in Europa abzielten und zugleich die nationale Unversehrtheit und Existenz von Staaten wie Polen, Österreich, der Tschechoslowakei, aber auch Belgiens bedrohten.

Von den Aggressoren unterschied er die auf unbestimmte Zeit hin am Krieg »mehr oder minder« desinteressierten Staaten, die den Status quo wahren oder ihn jedenfalls nicht mit kriegerischen Mitteln verändern wollten. Ihnen zählte er die USA, Frankreich und Großbritannien zu, wobei er die Politik Londons als diejenige ansah, die sich am stärksten der Hoffnung hingab, einem Krieg dadurch zu entkommen, daß Deutschlands Expansionskraft gegen Osten gelenkt würde. Bestätigen sollte sich auch die Einschätzung über die verhängnisvolle Rolle der polnischen Politik, die, von England bestärkt, ebenfalls glaubte, auf einem Sonderweg dem deutschen Zugriff entgehen zu können.

Was Generationen von Historikern nach 1945 über die Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges immer herausgefunden haben und schreiben, es war an diesem Befund nichts zu ändern. Nur daß diese Späteren bei aller Anmerkungswut meist vergessen, Togliatti auch nur in einer Fußnote zu erwähnen. Stünden die Kommunisten, die dem Kampf um den Frieden und gegen den Faschismus ins Zentrum ihrer Anstrengungen zu stellen hätten, jetzt schon vor schwer lösbaren Aufgaben, so würden sich diese im Kriegsfall noch komplizieren. Sie müßten sich von dem Gedanken verabschieden, der den Krieg als Vehikel auf dem Weg zur Revolution ansieht. Auch in allem, was Togliatti darüber warnend sagte, wie dieser Krieg geführt werden würde, behielt er recht, es werde in ihm kein Hinterland mehr geben und er würde sich als ein »Vernichtungskrieg« erweisen.

Stalins Neuausrichtung

Was das berechtigte Lob entwertete, mit dem von den Leistungen dieses Kongresses geschrieben wurde, oder es zumindest mit Fragen versah, war der Umstand, daß ihm eine nachhaltige Wirkung zugeschrieben wurde, die von ihm aber nicht ausging. Mehrfach wurde ein Bild verbreitet, als würde vom Jahre 1935 bis in die Gegenwart eine Linie kommunistischer Politik sich durchziehen. Hinter der lägen alle Irrwege und Fehler der frühen Jahre. Nun, gleichsam geläutert und ein für allemal belehrt, stütze sich diese Politik auf realistische Gesellschaftsanalysen. So jedenfalls im Hinblick auf die Grundfragen, denen sich Kommunisten gegenübersahen und die ihr Verhältnis zu Krieg und Frieden, zum Faschismus und zu den politisch benachbarten, aber konkurrierenden sozialistischen Kräften betrafen, namentlich denen der Sozialdemokratie. Diese Darstellungen gehören in das Reich der Legenden und lassen sich nur dadurch glaubwürdig machen, daß Tatsachen tabuisiert werden. So ließen die Autoren der 1966 in der DDR erschienenen »Weltgeschichte in Daten« die Eintragungen zur Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung im Mai 1939 abbrechen. Wer sich darin belas, konnte fragen, ob die Kommunistische Internationale und ihr sozialdemokratisches Pendant sich zum Kriegsbeginn im September 1939 ausgeschwiegen hätten.

Verschwiegen wurde, daß Stalin Togliattis Analyse der internationalen Lage mit der Unterscheidung zwischen den am Krieg interessierten und desinteressierten kapitalistischen Staaten im September 1939 mit einem Federstrich erledigte, ja sie geradezu in ihr Gegenteil verkehrte. Er erklärte Großbritannien und Frankreich nun zu den Schuldigen an der Weiterführung des Krieges. Das brachte die kommunistischen Parteien aller Länder, die sich im Krieg mit Deutschland befanden, sofern sie sich auf dieses Zweckbild einließen, in eine falsche Frontstellung, zwang ihnen eine erneute Kehrtwende auf und stürzte sie in schwere innere Auseinandersetzungen. Im gleichen Zusammenhang erfolgte eine scharfe Verurteilung der sozialdemokratischen Parteien, die dabei blieben, den deutschen Faschismus als Friedensbrecher und Aggressor zu brandmarken, gegen ihn zum Widerstand aufriefen und dafür zu Knechten des Imperialismus gestempelt wurden. Stalin diktierte der Kommunistischen Internationale eine Rolle, in der sie zur Verfügungsmasse für die sowjetische außenpolitische Strategie wurde, die jeden Konflikt, auch einen ideologischen mit Nazideutschland, zu vermeiden trachtete. So wurde der Gewinn des Jahres 1935 preisgegeben. Nicht überall und nicht auf Dauer. Gegen Sektierertum und Antikommunismus sind die Ideen der Aktionseinheit und der Volksfront immer aufs neue belebt und eingesetzt worden – bis auf den heutigen Tag.

Zu den Bezugnahmen auf den VII. Weltkongreß, denen es an Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit fehlte, gehörte auch die beschwiegene Tatsache, daß diese kommunistische Bewegung permanent von Führungskrisen und Auseinandersetzungen in ihren höchsten Gremien gekennzeichnet war und der Umgang mit Genossen, die »abweichende« Auffassungen vertraten, von Verdächtigungen begleitet und durch Rigorosität gekennzeichnet waren. Der Name Nikolai Bucharin, des Vorsitzenden des Exekutivkomitees, der 1928 den Bericht erstattet und das Referat zum Programm der Komintern gehalten hatte, kam nicht mehr vor. Er hatte seine herausragende Rolle an der Spitze der Komintern wie der KPdSU verloren, wenn er vorerst auch noch an minderem Platz in der sowjetischen Partei Verwendung fand. 1937 verhaftet, wurde er 1938 zum Tode verurteilt und erschossen.

Von den drei deutschen Kommunisten, die 1928 im Präsidium der Tagung gesessen hatten, war sieben Jahre später niemand mehr dabei. Clara Zetkin verstarb 1933. Seit diesem Jahr befand sich Ernst Thälmann in der Gewalt der deutschen Faschisten, und Hermann Remmele, der 1928 zudem in das Exekutivkomitee wiedergewählt worden war, hatte in politischen Auseinandersetzungen 1932/1933 seine Ämter an der deutschen Parteispitze verloren. 1939 ließ ihn Stalin erschießen. Auch Philipp Dengel, der zu den deutschen Mitgliedern dieses Komitees gehört hatte, verlor schon im Jahr nach dem Kongreß seinen einflußreichen Platz in der deutschen Partei. Gleiches galt für Arthur Ewert, einen Kandidaten des Exekutivkomitees. Zu den zu lösenden, aber nicht einmal formulierten Aufgaben des VII. Weltkongresses hätte gehört, sich von dieser Praxis ein für allemal zu distanzieren und einen demokratischen innerparteilichen Stil verbindlich zu fixieren. Nichts dergleichen geschah und das bedeutete, daß der alte noch weitere Jahrzehnte Dasein und Entwicklung der kommunistischen Bewegung schwer schädigen würde.

Zudem leistete der Kongreß einen Beitrag zur Verfestigung des Stalinkults, er wurde als »Führer des internationalen Proletariats« apostrophiert und mit Marx, Engels und Lenin in eine Viererreihe gestellt. Die Vorstellung, wonach er und die Seinen sich im Besitz der ganzen Wahrheit befänden, andere die Bewegung auf Irrwege führen oder ihr Schlimmeres noch antun würden, samt der These, daß die Kämpfe im Inneren geradezu Bedingung des Fortschreitens und Siegens wären, galten als marxistische Erkenntnis. Sich von ihr zu trennen, bedeutet nicht, der Gegenthese »Jedem seine Wahrheit« zu huldigen, sondern bei der forschenden Suche nach Weg und Ziel sich selbst von Irrtum nicht freizusprechen, Zweifel nicht auszuschließen und der Meinung der Genossen im Kampf Respekt entgegenzubringen.

Anmerkung

1 Der bulgarische Kommunist Georgi Dimitroff war auf diesem VII. Weltkongreß zum Generalsekretär gewählt worden. In seinem Hauptreferat bestimmte er: »Der Faschismus an der Macht ist die offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals«

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