31. März 2012

Zwei Linien

Ringen um die Organisationsfrage: Karl Marx (1818–1883) und Michail Bakunin (1814–1876) - Quelle: jW-Archiv

Vor 145 Jahren entstand die Erste Sektion der Internationalen Arbeiterassoziation in Italien. Unter schwierigen Bedingungen wuchs sie zu einer der stärksten in Europa

Gerhard Feldbauer

Seit Anfang der 1860er Jahre formierte sich auch in Italien die Arbeiterbewegung in einem komplizierten Prozeß der Auseinandersetzung mit bürgerlichen ideologischen Einflüssen. Das war für alle Länder im Entstehungsstadium des Kapitalismus in dieser Zeit mehr oder weniger charakteristisch, zeigte jedoch in Italien einige spezifische Züge. Dazu zählte zunächst der unterschiedliche Einfluß der beiden Führer der nationalen Einigungsbewegung und der bürgerlichen Revolution 1848/49 Giuseppe Mazzini und Giuseppe Garibaldi, deren Anhänger in beträchtlicher Zahl zur Arbeiterbewegung stießen bzw. mit ihr sympathisierten. Während Garibaldi Marx’ Inauguraladresse, die zur einigenden Plattform der bestehenden Strömungen in der internationalen Arbeiterbewegung wurde, als »Sonne der Zukunft« begrüßte und der Pariser Kommune öffentlich seine Sympathie bekundete, fand Mazzini keinen Anschluß an die Arbeiterbewegung. Er lehnte die von Marx und Engels 1864 mitgegründete Internationale Arbeiterassoziation (IAA) ebenso wie die Kommune ab und trat für die Klassenzusammenarbeit der Arbeiterbewegung mit der Bourgeoisie ein.

Großen Einfluß auf die frühe italienische Arbeiterbewegung übte der ehemalige zaristische Offizier, russische Revolutionär und spätere Anarchist Michail Alexandrowitsch Bakunin aus. Zu Beginn der Februarrevolution 1848 weilte er in Paris, begab sich im Juni zum Slawenkongreß nach Prag und wurde während des Maiaufstandes 1849 in Dresden Mitglied der revolutionären Regierung und Befehlshaber der aufständischen Truppen. In Gefangenschaft geraten, wurde er nach Rußland ausgeliefert, zur Haft in der Peter-Pauls-Festung verurteilt und anschließend nach Sibirien verbannt, von wo ihm 1861 die Flucht gelang. Er begab sich nach London, wo er zu Marx und Engels, freundschaftliche Beziehungen unterhielt. 1864 reiste er nach Italien und ließ sich in Neapel nieder. Dort bestand ein fruchtbarer Nährboden für den Anarchismus, dem er sich nun zuwandte. Hier existierten Geheimbünde und Freimaurerlogen, eine deklassierte Intelligenz, die zu Verschwörungen neigte, eine bäuerliche Masse, die zu den Verlierern der Revolution und des Befreiungskampfes zählte und im sozialen Elend dahinvegetierte, und schließlich ein »Lumpenproletariat«. Hier wurde der Held des Dresdner Aufstandes, der zwölf Jahre im Kerker des Zaren schmachtete, zum anerkannten und gefeierten revolutionären Führer. Hier begann er, sich Marx ebenbürtig zu fühlen, reifte sein Entschluß, die Führung der Internationale zu beanspruchen.

Aufschwung der Linken

Am 3. April 1867 entstand in Neapel die erste Sektion der IAA. Im Ergebnis des Widerhalls der Pariser Kommune, die Bakunin leidenschaftlich verteidigte, wuchs sie rasch an. Daß Bakunin 1870 den Lyoner Aufstand organisierte, erhöhte ein weiteres Mal sein Ansehen als Revolutionsführer. Anfang 1872 existierten in Italien über 100 Organisationen mit zirka 10000 Mitgliedern, die sich zur IAA bekannten; 1874 waren es 129 mit 26000 Mitgliedern. Das Land war zu dieser Zeit eine der stärksten Vertretungen in der Internationale.

Bakunin schrieb die Bücher »Staatlichkeit und Anarchie« und »Gott und der Staat«, in denen er die Zerstörung »jeglicher politischer Macht« propagierte und sich gegen die Errichtung der Diktatur des Proletariats wandte. Als entscheidende revolutionäre Kräfte betrachtete er die bäuerlichen Massen und das »Lumpenproletariat«. Diesen Standpunkt verfocht er in der Internationale und versuchte, deren Führung zu erringen. Zur Durchsetzung ihrer Linie schufen die Bakunisten innerhalb der IAA eine geheime Organisation, die »Allianz der sozialistischen Demokratie«. Nachdem sie sich weigerten, einem Beschluß des Generalrates zu deren Auflösung nachzukommen, schloß der Haager Kongreß im September 1872 Bakunin und seine Parteigänger wegen statutenwidriger Fraktionstätigkeit aus der Internationale aus.

Der Bakunismus blieb noch längere Zeit die politisch und organisatorisch vorherrschende Strömung in der italienischen Arbeiterbewegung. In ihr wie auch in Spanien beherrschten die Anhänger Bakunins »eine Zeitlang tatsächlich die Arbeiterbewegung«, schrieb Engels in The Labor Standard (New York) im März 1878. Das hatte die Verbreitung des Marxismus in Italien zunächst außerordentlich erschwert. Erst als in dem Land 1874 und 1877 zwei Aufstandsversuche der Anarchisten scheiterten, begann ihr Einfluß zurückzugehen. Daß Bakunin in seinen letzten Lebensjahren mehrfach Gedanken äußerte, die seinen früheren anarchistischen Ansichten über Aufstand und Revolution um jeden Preis zuwider liefen und er selbst seine ablehnende Haltung zu Marx’ Theorie der Partei und der Spontaneität in Frage stellte, wurde zu dieser Zeit jedoch in Italien nicht bekannt.

Engels’ großer Einfluß

Auf die Auseinandersetzung mit dem Bakunismus wie mit dem Reformismus nahm Friedrich Engels, der seit 1871 als Korrespondierender Sekretär des Generalrates für Italien faktisch die Anleitung der italienischen Sektion wahrnahm, persönlich großen Einfluß. Einbezogen wurden nunmehr auch die vorher vernachlässigten industriell fortgeschrittenen Regionen des Nordens, die Lombardei und Piemont.

Auf ihrem Kongreß im Februar 1877 in Mailand sagte sich die ein Jahr zuvor gebildete norditalienische Föderation der Sozialisten auch offiziell von den Bakunisten los und beschloß, eine sozialistische Partei zu bilden. Im Vorwärts vom 16. März 1877 schrieb Engels: »Endlich ist auch in Italien die sozialistische Bewegung auf einen festen Boden gestellt und verspricht eine rasche und siegreiche Entwicklung.« Politisch-theoretisches Resultat war, daß in Italien nun Standardwerke des Marxismus wie »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft« (1883), »Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates« (1885), der erste Band des »Kapital« (1886) und das »Manifest der Kommunistischen Partei« (1889) erschienen. 1892 schlossen sich dann auf dem Sozialistenkongreß in Genua die drei regionalen Organisationen zur einheitlichen Partei der Italienischen Arbeiter zusammen, die 1893 den Namen Partito Socialista Italiano (Italienische Sozialistische Partei) annahm.

Auch nach der weitgehenden Durchsetzung des Marxismus in der italienischen Arbeiterbewegung blieb eine anarchistische Strömung bestehen, aus der neben negativen politisch-ideologischen Aspekten auch eine kämpferische Komponente resultierte, wie sie sich vor dem Ersten Weltkrieg am Beispiel der anarcho-syndikalistischen Fraktion in der Italienischen Sozialistischen Partei zeigte. Anarchisten bezogen in nicht wenigen Fragen antiimperialistische und vor allem Antikriegs- sowie nach der Errichtung der Mussolini-Diktatur antifaschistische Positionen.

Marx und Bakunin

In London wurde Bakunin Anhänger der Ersten Internationale. Er bewertete hoch Marx’ Gedanken, wonach die gesellschaftlichen Entwicklungen »nicht die Ursache, sondern die Wirkung der ökonomischen Entwicklung sind«. Die Statuten der IAA bezeichnete er als »mit Meisterschaft von Marx entworfen«. Als Bakunin 1864 nach Italien ging, bat Marx ihn, dort für die IAA aktiv zu werden. An Engels schrieb er am 4. November: »Bakunin läßt Dich grüßen. Er ist heute nach Italien abgereist«, und fügte hinzu, im ganzen sei er einer »der wenigen Leute, die ich nach 16 Jahren nicht zurück, sondern weiterentwickelt finde«. Bakunin seinerseits schrieb noch 1868 an Marx: »Mein Vaterland ist jetzt die Internationale, zu deren Hauptbegründern Du gehörst. Du siehst also, lieber Freund, daß ich jetzt Dein Schüler bin – und ich bin stolz, es zu sein.«

Ungeachtet der negativen Auswirkungen der Tätigkeit Bakunins hat Franz Mehring ihn nach seinem Tod am 1. Juli 1876 als Revolutionär und Anarchisten gewürdigt, der für die Arbeiterklasse »so tapfer gekämpft und so schwer gelitten hat«, und geschrieben, »bei all seinen Fehlern und Schwächen wird ihm die Geschichte einen Ehrenplatz unter den Vorkämpfern des internationalen Proletariats sichern«. Zu Marx’ Verhältnis zu Bakunin hielt Mehring fest: »Trotzdem hatte Marx dem alten Revolutionär seine freundschaftliche Gesinnung bewahrt und sich Angriffen widersetzt, die aus seiner näheren Umgebung gegen Bakunin gerichtet worden waren oder werden sollten.«

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