26. April 2014

Größte Strenge

Wladimir Iljitsch Uljanow

Ende 1919 erlitten die »Weißen« in der Ukraine schwere Niederlagen. Lenin schrieb aus diesem Anlaß einen Brief an die ukrainischen Arbeiter und Bauern (Teil IV und Schluß)

Wer die Einheit und das enge Bündnis der großrussischen und ukrainischen Arbeiter und Bauern verletzt, der hilft den Koltschak und Denikin (Kommandeure »weißer«, konterrevolutionärer Truppen im Bürgerkrieg – d. Red.), den kapitalistischen Räubern der ganzen Welt.

Daher müssen wir großrussischen Kommunisten mit größter Strenge auch die geringsten Äußerungen des großrussischen Nationalismus in unserer Mitte verfolgen, denn diese Äußerungen, die überhaupt Verrat am Kommunismus sind, richten den größten Schaden an, weil sie uns mit den ukrainischen Genossen entzweien und so Denikin und den Denikin-Banden in die Hände arbeiten.

Daher müssen wir großrussischen Kommunisten bei Meinungsverschiedenheiten mit den ukrainischen Kommunisten-Bolschewiki und den Borotbisten Nachsicht üben, wenn die Meinungsverschiedenheiten die staatliche Unabhängigkeit der Ukraine, die Formen ihres Bündnisses mit Rußland und die nationale Frage überhaupt betreffen. Wir alle – sowohl die großrussischen und ukrainischen Kommunisten als auch die Kommunisten jeder beliebigen anderen Nation – müssen unnachgiebig und unversöhnlich sein in bezug auf die grundlegenden, fundamentalen, für alle Nationen gleichen Fragen des proletarischen Kampfes, die Fragen der proletarischen Diktatur, der Unzulässigkeit des Paktierens mit der Bourgeoisie, der Unzulässigkeit einer Zersplitterung der Kräfte, mit denen wir uns gegen Denikin verteidigen.

Denikin besiegen, ihn vernichten, die Wiederholung eines derartigen Überfalls unmöglich machen – das ist das grundlegende Interesse sowohl der großrussischen als auch der ukrainischen Arbeiter und Bauern. Ein langer und schwerer Kampf, denn die Kapitalisten der ganzen Welt helfen Denikin und werden den Denikin aller Art stets helfen.

In diesem langen und schweren Kampf müssen wir großrussischen und ukrainischen Arbeiter im engsten Bündnis vorgehen, denn einzeln werden wir gewiß nicht fertig werden. Welches auch immer die Grenzen der Ukraine und Rußlands sein werden, welche Formen auch immer die staatlichen Beziehungen zwischen ihnen annehmen werden, das ist nicht so wichtig, darin kann und muß man Zugeständnisse machen, darin kann man das eine, das andere und etwas drittes ausprobieren, daran wird die Sache der Arbeiter und Bauern, wird der Sieg über den Kapitalismus nicht scheitern.

Aber wenn wir nicht verstehen, das engste Bündnis zwischen uns zu wahren, das Bündnis gegen Denikin, das Bündnis gegen die Kapitalisten und Kulaken unserer Länder und aller Länder, dann wird die Sache der Arbeit sicherlich für lange Jahre zum Erliegen kommen in dem Sinne, daß die Kapitalisten dann imstande sein werden, sowohl die Sowjetukraine als auch Sowjetrußland zu überwältigen und ihnen die Kehle zuzuschnüren.

Sowohl die Bourgeoisie aller Länder als auch alle möglichen kleinbürgerlichen Parteien, die »Paktierer«parteien, die sich mit der Bourgeoisie gegen die Arbeiter verbünden, waren vor allem bestrebt, die Arbeiter der verschiedenen Nationalitäten zu entzweien, das Mißtrauen zu schüren, das enge internationale Bündnis, den internationalen brüderlichen Zusammenhalt der Arbeiter zu zerstören. Wenn das der Bourgeoisie gelingt, dann ist die Sache der Arbeiter verloren. Möge es den Kommunisten Rußlands und der Ukraine gelingen, durch geduldige, hartnäckige, beharrliche gemeinsame Arbeit jedes beliebige nationale Ränkespiel der Bourgeoisie, die nationalistischen Vorurteile jeder Art zu überwinden und den Werktätigen der ganzen Welt das Beispiel eines wirklich festen Bündnisses der Arbeiter und Bauern verschiedener Nationen zu zeigen im Kampf für die Sowjetmacht, für die Beseitigung des Jochs der Gutsbesitzer und Kapitalisten, für die weltumspannende Föderative Sowjetrepublik.

Wladimir Iljitsch Lenin: Brief an die Arbeiter und Bauern der Ukraine anläßlich der Siege über Denikin. Prawda, 4. Januar 1920. Hier zitiert nach: W. I. Lenin: Werke, Band 30. Dietz Verlag, Berlin 1972, Seiten 286–287

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