10. Mai 2014

Imperialisten gut zureden?

Wladimir Iljitsch Uljanow

Lenin setzte sich im Frühjahr 1915 mit den Ansichten Karl Kautskys auseinander. Der glaubte mitten im Weltkrieg, das »Interesse« an Frieden und Abrüstung überwiege

Von den »Lehren« des Krieges spricht (Karl) Kautsky (1854–1938, sozialistischer Theoretiker) in völlig philisterhaftem Geist; er stellt diese Lehren im Sinne eines moralischen Entsetzens vor den Drangsalen des Krieges dar. Hier beispielsweise seine Betrachtung in der Broschüre »Nationalstaat, imperialistischer Staat und Staatenbund«: »Daß solche Schichten bestehen, die das dringendste Interesse am Weltfrieden und an der Abrüstung haben, ist nicht zu bezweifeln und bedarf keines Beweises. Kleinbürger und Kleinbauern, ja selbst viele Kapitalisten und Intellektuelle haben kein Interesse am Imperialismus, das stärker wäre als die Schädigungen, die sie durch Krieg und Wettrüsten erleiden.«

Das ist im Februar 1915 geschrieben! Die Tatsachen zeugen davon, daß alle besitzenden Klassen, einschließlich der Kleinbürger und »Intellektuellen«, sich durch die Bank den Imperialisten anschließen – aber Kautsky hält sich (...) die Tatsachen durch süßliche Worte vom Leibe. Er beurteilt die Interessen des Kleinbürgertums nicht nach seinem Verhalten, sondern nach den Worten einiger Kleinbürger, obwohl diese Worte durch ihre Taten auf Schritt und Tritt widerlegt werden. (...)

Der Marxismus urteilt über »Interessen« auf Grund der Klassengegensätze und des Klassenkampfes, die sich in Millionen Tatsachen des tagtäglichen Lebens äußern. Das Kleinbürgertum träumt und schwätzt von einer Abstumpfung der Gegensätze, wobei es als »Argument« anführt, daß ihre Verschärfung »schädliche Folgen« nach sich ziehe. Imperialismus ist die Unterordnung aller Schichten der besitzenden Klassen unter das Finanzkapital und die Aufteilung der Welt unter fünf bis sechs »Groß«mächte, von denen die Mehrzahl jetzt am Krieg teilnimmt. Aufteilung der Welt durch die Großmächte bedeutet, daß alle ihre besitzenden Schichten interessiert sind an dem Besitz von Kolonien und Einflußsphären, an der Unterdrückung fremder Nationen, an den mehr oder minder einträglichen Pöstchen und Privilegien, die mit der Zugehörigkeit zu einer »Groß«macht und zu einer unterdrückenden Nation verbunden sind.

Es ist unmöglich, auf alte Weise in den verhältnismäßig ruhigen, kultivierten, friedlichen Verhältnissen eines sich stetig entwickelnden und sich allmählich auf neue Länder ausdehnenden Kapitalismus zu leben, denn eine andere Epoche ist angebrochen. Das Finanzkapital sucht das betreffende Land aus der Reihe der Großmächte zu verdrängen und wird es verdrängen (...). Das ist eine durch den Krieg bewiesene Tatsache. Dazu hat in Wirklichkeit jene Verschärfung der Gegensätze geführt, die seit langem von allen, darunter auch von Kautsky selbst in der Broschüre »Der Weg zur Macht« (1909) anerkannt ist.

Und nun, da der bewaffnete Kampf um die Großmachtprivilegien Tatsache geworden ist, beginnt Kautsky, den Kapitalisten und dem Kleinbürgertum gut zuzureden, der Krieg sei eine entsetzliche, die Abrüstung aber eine gute Sache, genauso und genau mit denselben Ergebnissen, wie der christliche Pfaffe von der Kanzel herab den Kapitalisten gut zuredet, die Nächstenliebe sei ein Gebot Gottes, sei Seelenbedürfnis und moralisches Gesetz der Zivilisation. Was Kautsky als ökonomische Tendenzen zum »Ultraimperialismus« bezeichnet, ist in Wirklichkeit nichts anderes, als daß den Finanzkapitalisten auf kleinbürgerliche Manier gut zugeredet wird, das Böse zu meiden.

(...) Eroberung von Kolonien? Aber sie seien bereits alle erobert und fast alle strebten nach ihrer Befreiung: (…) »Jedes Streben eines kapitalistischen Industriestaates, ein Kolonialreich zu erwerben, (…) wäre der sicherste Weg, das ganze wirtschaftliche Leben des Staates zum Bankrott zu bringen.«

Heißt das etwa nicht, den Finanzkapitalisten nach Philistermanier gut zureden, auf den Imperialismus zu verzichten? Die Kapitalisten mit dem Bankrott schrecken zu wollen ist genau dasselbe, als wollte man Börsenjobbern raten, nicht an der Börse zu spielen, da »auf diese Weise viele ihr ganzes Vermögen verlieren«. Bei einem Bankrott des konkurrierenden Kapitalisten und der konkurrierenden Nation gewinnt das Kapital, weil es sich noch stärker konzentriert; je schärfer und »enger« daher die wirtschaftliche Konkurrenz ist, d.h. die ökonomischen Anstrengungen, den Bankrott des andern herbeizuführen, desto stärker ist das Streben der Kapitalisten, dem auch die militärischen Anstrengungen hinzuzufügen, durch die der Konkurrent bankrott gemacht wird.

Wladimir Iljitsch Lenin: Der Zusammenbruch der II. Internationale. Veröffentlicht 1915 in der Zeitschrift Kommunist Nr. 1/2. Hier zitiert nach W. I. Lenin: Werke, Band 21. Dietz Verlag, Berlin 1968, Seite 221–224

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