17. Mai 2014

Krieg der großen Räuber

Wladimir Iljitsch Uljanow

Am 8. Februar 1916 hielt Lenin auf einer internationalen Kundgebung in der Schweizer Hauptstadt Bern eine Rede zum Weltkrieg.

Seit mehr als anderthalb Jahren wütet der europäische Krieg. Und mit jedem weiteren Monat, mit jedem weiteren Tage des Krieges wird es für die Arbeitermassen immer klarer, daß das Zimmerwalder Manifest (im September 1915 von einer Konferenz der Internationalisten aus mehreren sozialdemokratischen Parteien im Schweizer Ort Zimmerwald angenommen – jW) die Wahrheit gesagt hatte, als es sagte, daß die Phrasen von der »Vaterlandsverteidigung« und dergleichen nichts als Betrug der Kapitalisten sind. Mit jedem Tage wird es klarer, daß es der Krieg der Kapitalisten ist, der großen Räuber, die darüber streiten, welcher von ihnen mehr Beute bekommen soll, mehr Länder berauben, mehr Nationen unterdrücken und unterjochen soll. (…)

Vor vier Jahren, als es schon klar wurde, daß der Krieg kommt, sammelten sich die Vertreter der Sozialisten der ganzen Welt zum Internationalen Sozialistenkongreß in Basel im November 1912. Es war schon kein Zweifel darüber, daß der kommende Krieg ein Krieg zwischen den Großmächten, zwischen den großen Räubern sein wird, daß die Schuld am Kriege die Regierungen und die Kapitalistenklassen aller Großmächte tragen. Und das Basler Manifest, das einstimmig von den sozialistischen Parteien der ganzen Welt angenommen wurde, sprach diese Wahrheit offen aus. Das Basler Manifest erwähnt mit keinem Worte den »Verteidigungskrieg«, die »Vaterlandsverteidigung«. Es geißelt die Regierungen und die Bourgeoisie aller Großmächte ohne Ausnahme. Es sagt offen, daß der Krieg das größte Verbrechen sein wird, daß die Arbeiter es als Verbrechen ansehen, aufeinander zu schießen, daß die furchtbaren Schrecken des Krieges, die Empörung der Arbeiter dagegen zu einer proletarischen Revolution mit Notwendigkeit führen müssen.

Als der Krieg wirklich kam, da sah man, daß der Charakter dieses Krieges in Basel richtig beurteilt worden war. Aber die Sozialisten- und Arbeiterorganisationen folgten nicht einmütig dem Basler Beschlusse, sondern spalteten sich. In allen Ländern der Welt sehen wir jetzt die Sozialisten- und Arbeiterorganisationen in zwei große Lager geteilt. Der kleinere Teil – namentlich die Führer, die Funktionäre, die Beamten – hat den Sozialismus verraten und sich auf die Seite der Regierungen gestellt. Der andere Teil – zu dem die bewußten Arbeitermassen gehören – fährt fort, die Kräfte zu sammeln und gegen den Krieg für eine proletarische Revolution zu arbeiten. (…)

Sie haben hier die Vertreter verschiedener Länder gehört, die Ihnen vom revolutionären Kampf der Arbeiter gegen den Krieg sprachen. Ich will nur noch das Beispiel des größten und reichsten neutralen Landes zitieren, nämlich der Vereinigten Staaten von Amerika. Die Kapitalisten dieses Landes schlagen jetzt enorme Profite aus dem europäischen Kriege. Und sie agitieren auch für den Krieg. Sie sagen, Amerika solle sich ebenfalls zur Teilnahme an dem Kriege vorbereiten, Hunderte von Millionen Dollar sollen auf Kosten des Volkes aufgetrieben werden zu neuen Rüstungen und Rüstungen ohne Ende. Und ein Teil der Sozialisten folgt auch in Amerika diesem betrügerischen, diesem verbrecherischen Rufe. Aber ich will Ihnen vorlesen, was der populäre Führer der amerikanischen Sozialisten, der Kandidat der Sozialistischen Partei in Amerika auf den Posten des Präsidenten der Republik, Genosse Eugene Debs (1855–1926 – jW) schreibt: In der amerikanischen Zeitung Appeal to Reason vom 12. September 1915 sagt er:

»Ich bin kein kapitalistischer Soldat; ich bin ein proletarischer Revolutionär. Ich gehöre nicht zur regulären Armee der Plutokratie, wohl aber zur irregulären Armee des Volkes. Ich verweigere den Gehorsam, in den Krieg zu gehen für die Interessen der Kapitalistenklasse. Ich bin gegen jeden Krieg außer einem Kriege. Für diesen Krieg stehe ich mit meiner ganzen Seele, und das ist der Weltkrieg für die soziale Revolution. An diesem Kriege bin ich bereit teilzunehmen, wenn die herrschenden Klassen einen Krieg überhaupt notwendig machen wollen.«

So schreibt an die amerikanischen Arbeiter ihr geliebter Führer, der amerikanische Bebel, Genosse Eugene Debs.

Und das beweist, Genossen, abermals, daß wirklich in allen Ländern der Welt die Sammlung von Kräften der Arbeiterklasse sich vorbereitet. Die Schrecknisse und Leiden des Volkes im Kriege sind furchtbar. Aber wir dürfen nicht, wir haben keinen Grund, mit Verzweiflung in die Zukunft zu schauen. (…)

Nach dem deutschsprachigen Text der Berner Tagwacht vom 9. Februar 1916. Hier zitiert nach: Wladimir Iljitsch Lenin: Werke, Band 22. Dietz Verlag, Berlin 1960, Seiten 122–125

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