12. April 2014

Über nationales Mißtrauen

Wladimir Iljitsch Uljanow

Ende 1919 erlitten die »Weißen« in der Ukraine schwere Niederlagen. Lenin schrieb aus diesem Anlaß einen Brief an die ukrainischen Arbeiter und Bauern (Teil II)

Zweitens dürfen die Werktätigen nicht vergessen, daß der Kapitalismus eine Teilung der Nationen in eine kleine Anzahl unterdrückender, vollberechtigter, privilegierter (imperialistischer) Großmachtnationen und die große Mehrheit der unterdrückten, abhängigen und halbabhängigen, nicht gleichberechtigten Nationen vorgenommen hat. Der zutiefst verbrecherische und reaktionäre Krieg 1914 bis 1918 hat diese Teilung noch mehr verschärft, hat die Wut und den Haß auf dieser Basis weiter verstärkt. Im Verlauf der Jahrhunderte hat sich bei den nicht vollberechtigten und abhängigen Nationen Empörung und Mißtrauen gegen die Großmachtnationen, gegen die Unterdrückernationen angesammelt – bei Nationen wie der ukrainischen gegen solche wie die großrussische.

Wir wollen ein freiwilliges Bündnis der Nationen, ein Bündnis, das keinerlei Gewaltanwendung einer Nation gegenüber einer anderen zuläßt, ein Bündnis, das auf vollem Vertrauen, auf klarer Erkenntnis der brüderlichen Einheit, auf völlig freiwilliger Übereinkunft gegründet ist. Ein solches Bündnis läßt sich nicht mit einem Schlage verwirklichen; auf ein solches Bündnis muß man mit größter Geduld und Behutsamkeit hinarbeiten, um die Sache nicht zu verderben, um kein Mißtrauen zu wecken und das Mißtrauen, das die jahrhundertealte Unterdrückung durch Gutsbesitzer und Kapitalisten, das Privateigentum und die Feindschaft wegen seiner Verteilung und Neuverteilung hinterlassen haben, zu überwinden.

Darum müssen wir uns in unserem unentwegten Streben nach der Einheit der Nationen, bei der schonungslosen Verfolgung all dessen, was die Nationen entzweit, sehr behutsam, geduldig und nachgiebig zu den Überresten des nationalen Mißtrauens verhalten. Unnachsichtig, unversöhnlich müssen wir all dem gegenüber sein, was an die grundlegenden Interessen der Arbeit im Kampf für ihre Befreiung vom Joch des Kapitals rührt. Die Frage aber, wie die Staatsgrenzen heute, zeitweilig – denn wir erstreben die völlige Aufhebung der Staatsgrenzen – festzulegen sind, ist keine grundlegende, keine wichtige, ist eine untergeordnete Frage. Mit dieser Frage kann und muß man warten, denn das nationale Mißtrauen hält sich in der breiten Masse der Bauern und Kleinbesitzer oft äußerst zäh, und durch zu große Eile kann man es stärken, das heißt der Sache der völligen und endgültigen Einheit Schaden zufügen.

Die Erfahrungen der Arbeiter- und Bauernrevolution in Rußland, der Oktober-November-Revolution 1917, die Erfahrungen ihres zweijährigen siegreichen Kampfes gegen die Invasion der internationalen und der russischen Kapitalisten haben klipp und klar gezeigt, daß es den Kapitalisten zeitweise gelungen war, das nationale Mißtrauen der polnischen, lettischen, estnischen, finnischen Bauern und Kleinbesitzer gegen die Großrussen ins Spiel zu bringen, daß es auf der Basis dieses Mißtrauens zeitweise gelungen war, Zwietracht zwischen ihnen und uns zu stiften. Die Erfahrungen haben gezeigt, daß dieses Mißtrauen nur sehr langsam überwunden wird und verschwindet, und je mehr Behutsamkeit und Geduld die Großrussen, die lange Zeit eine Unterdrückernation waren, an den Tag legen, desto sicherer wird dieses Mißtrauen verschwinden. Gerade dadurch, daß wir die Unabhängigkeit des polnischen, lettischen, litauischen, estnischen und finnischen Staates anerkennen, erringen wir langsam aber sicher das Vertrauen der rückständigsten, von den Kapitalisten am meisten betrogenen und unterdrückten werktätigen Massen der benachbarten kleinen Staaten. Gerade auf diese Weise entreißen wir sie am sichersten dem Einfluß »ihrer« nationalen Kapitalisten, erringen wir am sichersten ihre volles Vertrauen, führen wir sie am sichersten der künftigen einheitlichen internationalen Sowjetrepublik entgegen.

Wladimir Iljitsch Lenin: Brief an die Arbeiter und Bauern der Ukraine anläßlich der Siege über Denikin. Prawda, 4. Januar 1920. Hier zitiert nach: W. I. Lenin: Werke, Band 30. Dietz Verlag, Berlin 1972, Seiten 283–285

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