21. November 2018

Weißenburger Bürger trafen sich zum Austausch über Cannabislegalisierung

Die Debatte zur Cannabislegalisierung ist längst auch in Deutschland und Bayern angekommen. Die Stimmen nach einer progressiveren Drogenpolitik werden lauter. Zu einer Diskussionsveranstaltung lud nun jüngst der Bildungsverein "Brecht(h)aus-Bibliothek" zum 1. Weißenburger Forum. Als Referent konnte der Kriminalbeamte und ehemalige Drogenpolitische Sprecher der Fraktion Die Linke. im Bundestag, Frank Tempel, gewonnen werden.

Legale Drogen wie Alkohol und Nikotin sind allgegenwärtig. Verbotene Drogen werden trotz Verbot gehandelt und konsumiert. Riskanter Konsum und Abhängigkeit können deshalb zu schwerwiegenden gesundheitlichen Schäden und menschlichen Tragödien führen. Dabei sagt die Einteilung in legale und illegale Drogen jedoch nichts über deren Gefährlichkeit aus. Im Gegenteil: Nikotin und Alkohol schaden der öffentlichen Gesundheit in Deutschland mehr als alle illegalen Drogen zusammen. Die gesellschaftliche Verharmlosung legaler Drogen ignoriert, dass in Deutschland neben Alkohol- und Nikotin auch Spiel- und Arzneimittelabhängigkeit weit verbreitet sind. Die Alkohol- und Tabakregulierung ist besonders lasch, beide Suchtmittel praktisch überall erhältlich und auch im internationalen Vergleich preiswert zu haben. Diese Ungleichbehandlung ist nicht zu rechtfertigen und die Regulierung von legalen und illegalen Suchtstoffen muss sich langfristig einander annähern.

Gesundheitliche und gesellschaftliche drogenbedingte Schäden so gering wie möglich zu halten, ist ein vernünftiges gesellschaftliches Ziel. Tatsächlich nehmen Menschen aber Drogen und sind auch durch Verbote nicht davon abzuhalten. Die Strafverfolgung stärkt dabei die organisierte Kriminalität, behindert eine glaubwürdige Präventionsarbeit, erhöht die Hürden für die Drogen- und Suchthilfe und verhindert auch jeden Jugend- und Verbraucherschutz. Die Dämonisierung und Kriminalisierung von Drogen verfehlt gerade auch bei Jugendlichen das behauptete Ziel der Abschreckung.

Drogenpolitik sollte eine präventive, sachliche und glaubwürdige Aufklärung über die Wirkung und Risiken von Drogen ermöglichen. Nur so kann ein selbstverantwortlicher Umgang mit Rauschmitteln entwickelt werden. Wenn Drogenkonsum problematische Ausmaße annimmt, muss schnell und unkompliziert Hilfe geleistet werden. Statt ausreichende Mittel für präventive und therapeutische Angebote bereitzustellen, gibt Deutschland aber über 80 Prozent seiner Ausgaben im Drogenbereich für die Strafverfolgung aus.

Man war sich einig, dass eine Drogenpolitik, die aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse ohne ideologische Scheuklappen berücksichtigt, wünschenswert sei. Eine unabhängige Evaluierung des Betäubungsmittelstrafrechts, die überprüft, ob es die Ziele erreicht und welche unerwünschten Wirkungen es entfaltet, wäre das Mindeste an die politischen Verantwortungsträger. Gut wären deshalb auch Präventions- und Informationsangebote sowie akzeptanzorientierte, niedrigschwellige therapeutische Hilfen.

Die Konsumierenden zu kriminalisieren reduziert dagegen den Drogenkonsum nicht. Langfristig braucht es deshalb auch legale und regulierte Bezugsmöglichkeiten von Drogen, die den Wunsch nach Rausch so kanalisieren, dass die gesundheitlichen und gesellschaftlichen Schäden möglichst gering gehalten werden. Kurzfristig sollte der Besitz von geringen Mengen zum Eigengebrauch entkriminalisiert werden, wie es Portugal und andere Länder mit Erfolg bereits getan haben. Für Cannabis sollte der Anbau zum eigenen Bedarf erlaubt sein sowie genossenschaftlich organisierter und nichtkommerzieller Anbau über Cannabis-Social-Clubs ermöglicht werden. 

In seinem Vortrag gab Frank Tempel u.a. auch einen Einblick in seine Arbeit als Kriminalbeamter und seine Motive sich dieses Themas schwerpunktmäßig, bis hin in den Deutschen Bundestag, angenommen zu haben. Anschaulich erklären konnte er, die verschiedenen Motivationen die zum Konsum von Drogen führen sowie welche unterschiedlichen Konsumententypen es denn überhaupt gibt. Verbesserungen habe es in den letzten Jahren insbesondere bei der Versorgung von Schmerzpatienten mit medizinischem Cannabis gegeben. Dies könne man auf Rezept mittlerweile in der Apotheke bekommen. Der Weg, bis man ein Rezept in der Hand halten kann, ist jedoch weiterhin sehr beschwerlich und von der Mitwirkung eines Arztes abhängig.

An dieser Stelle meldete sich eine ältere Dame zu Wort, welche von ihren Schmerzen im Bein berichtete. Eine Freundin habe ihr nun geraten eine Woche nach Amsterdam zu fahren. Nach dem Konsum von Cannabisprodukten dort sei sie zum ersten Mal seit über 20 Jahren wieder schmerzfrei gewesen. Der Arzt habe ihr nun ein Rezept ausgestellt. Mit ihrer spärlichen Rente könne sie das Rezept jedoch nicht bezahlen. Anwesende und bereits anerkannte Schmerzpatienten nahmen sich ihr sofort an und wollen sie nun beim Papierkrieg mit der Krankenkasse unterstützen.

Das Grußwort übernahm Stadt- und Kreisrat Erkan Dinar (DIE LINKE) als Schirmherr der Veranstaltung. Die Moderation wurde von Mirjam Dressendörfer getragen. Roland Meier vom Cannabis Social Club Ingolstadt e.V. berichtete über den Aufbau und die Arbeit seines Vereins.

In Kürze soll sich auch ein solcher Cannabis Social Club in Weißenburg gründen. Mehr Infos dazu über die Facebook-Seite: https://www.facebook.com/cannaburg/

Quelle: https://www.facebook.com/cannaburg/photos/a.296077847217957/1125861104239623/?type=3&theater