16. August 2018

Mit ihrem "Ja zum Krieg" glaubte die SPD die Schwelle zur Macht zu betreten

Erkan Dinar, (Stadt- und Kreisrat, DIE LINKE)

Leserbrief zum Artikel "Wo ist der Eisner-Platz?" aus dem Weißenburger Tagblatt vom 15. August 2018

"Die Zustimmung der SPD zu den Kriegskrediten seit August 1914 war für diese Partei durchaus in der Logik der Entwicklung ihrer Politik. Obwohl sie in eklatantem Widerspruch zu ihrer Programmatik und zu allen flammenden Appellen und Proklamationen der sozialdemokratischen II. Internationale stand. Die SPD hatte ein richtiges Gefühl dafür, dass der 1. Weltkrieg die Rechnung für ein Vierteljahrhundert imperialistischer Außenpolitik präsentierte. Wenn sie mit dem Parlament und durch das Parlament in die Staatsmacht hineinwachsen wollte, dann war der Krieg ihre große Chance. Sie wurde jetzt zum ersten Mal gebraucht. Die Partei, die das Vertrauen der Massen besaß, konnte in einem Krieg der Massen nicht mehr übergangen werden. Mit ihrem "Ja zum Krieg" glaubte die SPD die Schwelle zur Macht zu betreten.

Für die wirklichen Herren im Lande waren die Sozialdemokraten natürlich auch weiterhin linker Abschaum, aber aus Opportunitätsgründen wurde ihnen doch eine Rolle zugewiesen. Sie waren jetzt salonfähig geworden. Sie gingen in den Ämtern ein und aus. Es war eine ungewohnte Erfahrung für sie, und sie konnten nicht umhin, bei dieser neuen Höflichkeit und Leutseligkeit der Mächtigen ein gewisses weiches und warmes Gefühl zu verspüren. Das war das Führungspersonal der SPD, die sich 1918/19 widerwillig an die Spitze der Revolution stellte, um der Gegenrevolution willig zum Sieg zu verhelfen.

Die SPD-Führung unter Friedrich Ebert, Philipp Scheidemann und dem "Bluthund" Gustav Noske log und betrog in einer Tour, um Staat und überkommene Ordnung vor den revoltierenden Massen zu retten. Dazu gehört auch die heimliche Konspiration mit dem Generalstab und die aktive Beteiligung an der Rekrutierung und am gezielten Einsatz der rechtsradikalen Freikorps, die bewusste Entfesselung eines blutigen Bürgerkriegs, der Tausenden revolutionären deutschen Arbeitern und Soldaten das Leben kostete und auch die Mitverantwortung für die Morde an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Reichskanzler Ebert mußte "Verräter" an der Revolution werden und mit den Vertretern der äußersten Reaktion zusammenarbeiten, um sein Ziel zu erreichen. Die Rettung des reaktionären Staats und der bestehenden Gesellschaft.

Mitte 1919 war der Novemberrevolution das Genick gebrochen. Die SPD regierte einen reaktionären Staat, hinter dem als wirklicher Machtträger die von ihr herbeigerufene Gegenrevolution stand. Äußerlich war die Stellung der SPD glänzend wie nie zuvor. Im Deutschen Reich, in Preußen, in Bayern besetzte sie alle Spitzenpositionen. Aber ihre Macht war hohl. In dem reaktionären Staat, den sie wiederhergestellt hatte, blieb sie ein Fremdkörper. Für die gegenrevolutionären Freikorps, mit deren Hilfe sie ihn wiederhergestellt hatte, blieb sie ein Feind. Und ihre eigene Machtgrundlage hatte diese Arbeiterpartei zerstört, als sie die Revolution der Arbeitermassen niedergeschlagen hatte. Und dies eben auch in Bayern, liebe SPD!

Übrigens, wenn ihr es wirklich ernst meint, dann können SPD und LINKE gemeinsam einen Stadtratsantrag in Weißenburg stellen, um die Friedrich-Ebert-Straße in Kurt-Eisner-Straße umzubenennen. Ob der Antrag wirklich eine Mehrheit finden würde ist natürlich offen. Es wäre jedoch ein Signal endlich mit der eigenen Vergangenheit offen umzugehen und sich nicht nur in Saalveranstaltungen symbolisch einen revolutionären Sozialisten wie Kurt Eisner einzuverleiben, der seine berechtigten Gründe hatte, einer Partei links der SPD anzugehören, als er mutig das Ende der Monarchie erklärte und den Freistaat Bayern ausrief."

Quellen: SoZ - Sozialistische Zeitung